Hybridität – Transkulturalität – Kreolisierung: Innovation und Wandel in Kultur, Sprache und Literatur Lateinamerikas

Eva Gugenberger und Kathrin Sartingen (Hg.)

Atención: Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Instituts, Band 14 (2011)
ISBN 978-3-643-50309-1, ISSN 2221-4186, 264 S.

Globalisierung und Migration haben auch in Lateinamerika hochdynamische Kontaktprozesse in Gang gebracht und zur zunehmenden Entfaltung transkultureller Räume geführt. In Aufbrechung traditioneller binärer Oppositionen entstehen innovative Formen kultureller Grenzüberschreitungen, die im vorliegenden, interdisziplinär ausgerichteten Band im Fokus der Betrachtung stehen. Thematisiert werden Hybridisierungsstrategien und transkulturelle Praxen in alltäglichen Lebenswelten und künstlerischen Genres, kulturelle und sprachliche Neuschöpfungen sowie interpretative Textanalysen aus Literatur, Film und Musik.


Kathrin Sartingen ist Universitätsprofessorin für Lusitanistik und Hispanistik mit besonderem Schwerpunkt Lateinamerika (Literatur- und Medienwissenschaft) am Institut für Romanistik der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen transatlantische Literatur- und Kulturbeziehungen (Iberia-Lateinamerika-Afrika) sowie die portugiesisch- und spanischsprachigen Literaturen, Medien und Kulturen des 20. und 21. Jahrhunderts. Weitere Arbeitsfelder liegen im Bereich der intermedialen Beziehungen zwischen Film, Theater und Literatur, der lusophonen und hispanischen Medienkultur, der Ästhetik neuer Medien sowie Themen und Theorien der Kulturwissenschaften. Publikationen u.a.: (1994) Über Brecht hinaus – Produktive Rezeption von Bertolt Brecht in Brasilien. Frankfurt a.M.: Peter Lang; (2007) Szenische Sprache im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Identität und Alterität im brasilianischen Theater. Wien: Praesens; (2007) Zwischenspiele. Lateinamerikanisches Theater zwischen Eigen- und Fremdkultur. Wien: Praesens; (2009) Filmsprachen in der Romania. Beiheft zu Quo Vadis, Romania? Nr. 34, Wien: Praesens; (hrsg. mit M. Doppelbauer)(2010) De la zarzuela al cine – Los medios de comunicación populares y su traducción de la voz marginal. München: Meidenbauer.

Eva Gugenberger: Hybridität und Translingualität: lateinamerikanische Sprachen im Wandel

In diesem Beitrag steht das sprachwissenschaftliche Hybriditätskonzept, das im Kontext von Globalisierung, Migration und Mehrsprachigkeit zusehends Anklang findet, im Mittelpunkt der Betrachtung. Da sich der Artikel aber auch als eine Art Einführung in den vorliegenden Band versteht, sowie aufgrund der Analogien und gegenseitigen Anleihen im Hybriditätsdiskurs zwischen Linguistik und Kultur- und Sozialwissenschaften, wird darüber hinaus versucht, eine fächerübergreifende Klärung der Leitbegriffe des Bandes vorzunehmen. Deshalb werden neben Hybridität auch die affinen Konzepte Transkulturalität, aus dem die Autorin den Begriff Translingualität herleitet, sowie Synkretismus und Kreolisierung angesprochen. Ein knapper Abriss der Entwicklung der kontaktlinguistischen Terminologie, die mit der jeweiligen Kultur- und Sprachauffassung in verschiedenen Phasen korreliert wird, erläutert, was die Autorin unter hybridistischer bzw. translingualer Perspektive versteht. Danach folgt ein Versuch der Typologisierung hybrider Sprachvarietäten im lateinamerikanischen Kontext. Anhand zweier Beispiele, der Media Lengua in Ecuador und des Chicano-Rap im Südwesten der USA, werden schließlich sprachliche Hybridisierungsprozesse aufgezeigt.

Eva Gugenberger, geboren in Wien, Romanistin (Sprachwissenschaft). Studierte Romanistik und Kultur- und Sozialanthropologie (vormals Völkerkunde) in Wien. Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit als Lektorin am Institut für Romanistik der Universität Wien war sie wissenschaftliche Assistentin für iberoromanische Sprachwissenschaft der Universität Bremen, danach Vertretungsprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und an der Ruhr- Universität Bochum. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören v.a. Migrationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung, Sprachenpolitik, Varietätenlinguistik sowie interdisziplinäre Fragestellungen (Linguistik und Sozialpsychologie, Sprache – Identität – Hybridität, etc.). Zahlreiche Publikationen zu Migration, Sprachkontakt und Hybridität in Lateinamerika, darunter: (1995) Identitäts- und Sprachkonflikt in einer pluriethnischen Gesellschaft. Eine soziolinguistische Studie über Quechua-Sprecher und -Sprecherinnen in Peru. Wien: WUV; (2009) "Der ‚Dritte Raum' in der Sprache: Sprachkontakt und Hybridisierungsprozesse in der Romania", in: Dolle, Verena/ Helfrich, Uta (eds.): Der 'Spatial Turn' in der Romanistik: Möglichkeiten und Grenzen seiner Anwendung. München: Meidenbauer, 255-288; (2010) "Das Konzept der Hybridität in der Migrationslinguistik", in: Ludwig, Ralph/ Röseberg, Dorothee (eds.): Tout-Monde: Interkulturalität, Hybridisierung, Kreolisierung. Kommunikations- und gesellschaftstheoretische Modelle zwischen "alten" und "neuen" Räumen. Frankfurt am Main: Lang, 67-91.

Ernst Halbmayer: Indigene Kreolisierung, Kosmopolitismus und millenaristische Diskurse

Dieser Beitrag diskutiert das innerhalb des Faches umstrittene Konzept der "indigenous peoples" und setzt dieses mit anthropologischen Kreolisierungstheorien in Beziehung. "Indigenous peoples" werden als ein modernes Phänomen verstanden, dessen Wurzeln weniger auf millenaristischen Traditionen als auf Kolonialismus, moderner Staatenbildung und internationalen Rechtsprozessen beruhen. Auch sind Kreolisierungsprozesse nicht auf Kreolen in der Karibik und andere Weltregionen beschränkt. Im Gegensatz zu den meisten herkömmlichen Anwendungsformen der anthropologischen Kreolisierungstheorie wird diese hier auf die indigene Bevölkerung selbst angewandt und die Besonderheiten indigener Kreolisierung im Kontext einer indigenen Moderne benannt. Ein Fokus auf indigene Kreolisierung eröffnet, so das Argument des Beitrages, Möglichkeiten, aktuelle indigene Lebensweisen jenseits dominanter Vorstellungen von Akkulturation und/oder ungebrochener indigener kultureller Ordnungen in den Blick zu nehmen.

Ernst Halbmayr ist Professor und geschäftsführender Direktor des Instituts für Vergleichende Kulturforschung – Kultur- u. Sozialanthropologie und Religionswissenschaft an der Philipps-Universität Marburg. Er studierte in Wien Kultur- und Sozialanthropologie sowie Soziologie und beschäftigt sich u.a. mit Sozialorganisation und Kosmologie indigener Kulturen. Im Zentrum aktueller Forschungsarbeiten stehen Prozesse soziokultureller Transformation und die resultierende Komplexität heterogener indigener Modernitäten. Seit 1989 führt er Feldforschungen bei den Yukpa durch. Kürzere Feldaufenthalte führten ihn zu den Japreria, Wayana, Kariña, Makushi und Pemon. 1994-1998 war er Assistent am Institut für Soziologie, Uni Wien; 1999-2002 APARTStipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften; 1999-2001 assoziierter Forscher am Laboratoire d'Anthropologie Sociale, Paris; 2001-2002 Honorary Fellow an der University of Wisconsin, Madison. 2003-2004 Mitarbeiter der Kommission für Sozialanthropologie der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ausgewählte Publikationen: (2004) "'The one who feeds has the rights': Adoption and the Relations of Kin, Affines and enemies among the Yukpa of South America", in: Bowie, Fiona (ed.): Cross-Cultural Approaches to Adoption. London: Routledge, 145-164; (2004) "Elementary distinctions in world-making among the Yukpa", in: Anthropos, 99: 39-55; (hrsg. zus. mit Elke Mader)(2004) Kultur, Raum, Landschaft: Die Bedeutung des Raumes in Zeiten der Globalität. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; (2008) "Meanings of Suicide and Conceptions of Death among the Yukpa and other Amerindian Groups in Lowland South America", in: Curare 31 (1), 71-85; (2010) Kosmos und Kommunikation. Weltkonzeptionen in der südamerikanischen Sprachfamilie der Cariben. Wien: Facultas, 2 Bde.

Elke Mader und Petra Hirzer: Peruanisches Masala. Hybridisierungsprozesse in der lateinamerikanischen Bollywood-Fankultur

Hybridisierung ist auf das engste mit der Zirkulation, Rezeption und Aneignung von Medienprodukten verbunden. Dieser Beitrag gibt einen kurzen Einblick in die Welt des indischen Kinos und widmet sich insbesondere der peruanischen Bollywood-Fankultur als Beispiel für Hybridisierungsprozesse im Rahmen globalisierter Populärkultur. Die empirische Basis dieses Beitrages bilden drei ethnographische Feldforschungen in Lima, Arequipa und Trujillo zwischen 2008 und 2010, sowie medienanthropologische Datenerhebungen zu lateinamerikanischer Bollywood-Fankultur im Internet. Im Mittelpunkt der "Bollywelt Peru" stehen dabei Tanz und Ritual als Beispiele für Fan-Aktivitäten und Aneignungsmechanismen.

Elke Mader, geboren in Salzburg, ist Professorin für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Sie ist Vizedekanin der Fakultät für Sozialwissenschaften, Vorstandsmitglied des Österreichischen Lateinamerika Instituts und gehört der Faculty des Gender Initiativ Kollegs der Universität Wien an. Sie studierte Völkerkunde, Kunstgeschichte und Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Im Mittelpunkt ihrer Forschungstätigkeiten standen bis 2000 indianische Gemeinschaften im peruanischen und ecuadorianischen Amazonasgebiet, wo sie verschiedene Forschungsprojekte und mehrjährige Feldforschungen durchführte. Schwerpunkte bildeten dabei Mythologie, Weltbild und Ritual, aber auch Fragen der sozialen und politischen Organisation sowie Gender. Seit 2000 ist sie vor allem in der Medienanthropologie aktiv und leitete mehrere Projekte im eLearning Bereich, u.a. "Lateinamerika-Studien Online" oder (seit 2010) das "eSOWI"- Projekt der Fakultät für Sozialwissenschaften. Seit 2006 forscht sie zu verschiedenen Facetten der transkulturellen Rezeption von Bollywood, vor allem zu partizipativen Fankulturen im Internet. Ausgewählte Publikationen: (hrsg. zus. mit Ernst Halbmayer)(2004) Kultur, Raum, Landschaft: Die Bedeutung des Raumes in Zeiten der Globalität. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel; (2005) "Amazonian Ghost Stories. Body/Mind Pluralism in Amerindian Narratives", in: MESS Vol. 6, 69-89; (zus. mit Philipp Budka, Elisabeth Anderl, Johann Stockinger und Ernst Halbmayer)(2008) "Blended Learning Strategies for Methodology Education in an Austrian Social Science Setting", in: Luca, J./ Weippl, E.R. (eds.): Proceedings of ED-MEDIA 2008: World Conference on Educational Multimedia, Hypermedia and Telecommunications. Chesapeake, VA: AACE, 730-738; (2008) Anthropologie der Mythen. Wien: Facultas/WUV; (zus. mit Philipp Budka)(2009) "Shah Rukh Khan @ Berlinale. Bollywood Fans im Kontext medienanthropologischer Forschung", in: Tieber, Claus (ed.): Fokus Bollywood. Indisches Kino in wissenschaftlichen Diskursen. Münster: LIT-Verlag, 117-131.

Petra Hirzer studierte Romanistik und Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und ist derzeit als freie Dienstnehmerin an der Universität Wien tätig. Neben eigener Forschungstätigkeit (vorwiegend in Peru) und Mitarbeit am Projekt bollyglobal ist sie seit 2009 Redakteurin der SWS-Rundschau (Zeitschrift der sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft) mit Schwerpunkt Lektorat und Korrektorat. Ihrer wissenschaftlichen Arbeitsbereiche sind Anthropologie der Globalisierung und Medienanthropologie, insbesondere globale Prozesse der Medienrezeption und -aneignung (Bollywood, Populär- und Fankulturforschung, Web 2.0, Studien zu Ritual und Performance), sowie der Regionalschwerpunkt Lateinamerika. Ihre Diplomarbeit an der Universität Wien verfasste sie zum Thema (2009) Hybridkultur auf Umwegen? Transkulturelle Prozesse anhand der Rezeption indischer Populärkultur in Arequipa/Peru. Derzeit arbeitet sie an ihrer Dissertation zu Bollywelt Peru – ein medienanthropologisches Forschungsprojekt.

Kathrin Sartingen: Transit Brasil: Transkulturalität und Identität im brasilianischen Film

Die Kultur(en) Brasiliens zeigen spätestens seit der Bewegung der antropofagia gemischtkulturelle Phänomene, die auf einen hybriden Ressourcenreichtum ganz unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft zurückgehen. Diese transkulturelle Form der Kulturen spiegelt sich medienübergreifend auch im brasilianischen Film wider. Dabei reflektiert kein anderes filmisches Genre die Bewegung im kulturellen Raum und durch den kulturellen Raum anschaulicher als das selbst so hybride konstruierte Genre des road movies. Durch die Inszenierung von Fortbewegung, Vorwärtskommen und Weiterentwicklung eröffnet es gleichsam eine Projektionsfläche für Transit-Räume aller Art, die als liminale Passagen sowohl identitäre als auch kulturelle Transgressionen fördern. Diese Grenzüberschreitungen sind es, die das road movie zum paradigmatischen Format für die Beobachtung transkultureller Prozesse werden lässt. Am Beispiel des brasilianischen road movies sollen die medialen Strategien zur Entfaltung transkultureller Räume unter Rückgriff auf eigenreferentielle Kultureme aufgezeigt werden. Es steht dabei die Frage im Raum, ob durch das road movie neue Räume eröffnet werden, in denen kulturelle und kollektive Identitäten ausgetragen werden können. Dient das brasilianische road movie als filmisches Genre möglicherweise dazu, mit autochthonem Polykulturalismus ein neues lateinamerikanisches Selbstverständnis zu entwickeln?

Juan Carlos Godenzzi: Innovación y cambio lingüístico en procesos de urbanización: el ejemplo del castellano andino

Die empirische Basis dieses Beitrags bilden drei Interviews mit Quechua-SprecherInnen, die nach Lima migriert sind. Analysiert werden zum einen die Berichte der InformatInnen, in denen die Art und Weise, wie sie sich positionieren und wie sie in ihrem migratorischurbanen Umfeld interagieren, deutlich wird. Zum anderen werden ihre sprachlichen Ressourcen (Kompetenzen, Gebrauch, sprachliche Formen), mittels derer sie ihre Diskurse elaborieren, ihre Räume konstruieren und Distanzen etablieren, in den Fokus der Betrachtung gestellt. Auf der Diskursebene zeigt die Analyse, dass die Migranten ihre Identitäten mittels der Artikulierung ihrer andinen und urbanen Zugehörigkeiten rekonfigurieren; auf der Ebene der sprachlichen Formen geht aus der Analyse hervor, dass das Spanisch der drei bilingualen andinen MigrantInnen eine emergente Varietät darstellt, die sowohl Merkmale des andinen Spanisch als auch des Küstenspanisch aufweist.

Juliana Ströbele-Gregor: Rigoberta und Domitila Imago und Spiegelungen – Autobiographische Narrationen und Performance von indigenen Wortführerinnen

Der Aufsatz analysiert die Konstruktion des Selbstbildes "indianischer" politisch aktiver Frauen, das in Autobiographien vermittelt wird, wobei es darauf ankommen wird, diese mit der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit (Berger/Luckmann), die diesen Selbstbildern zugrunde liegt, in Beziehung zu setzen. Ich fasse das jeweilige Selbstbild der Autobiographinnen als bewusst inszenierte Eigen-Imago auf, welche als Leitbild fungieren soll. Die Dekonstruktion dieser Eigen-Imago verweist a) auf Interdependenzen zwischen den Konstruktionen von sozialen Wirklichkeiten, in die Erzählerin und ihre Dialogpartnerinnen eingebunden sind; b) auf die Interdependenz internationaler Diskurse und konstruierter Imago und darauf, c) wie die Veränderungen dieser internationalen Diskurse sich auch in der Konstruktion der Imago dieser indigenen Wortführerinnen niederschlagen.

Juliana Ströbele-Gregor, Dr. phil., Altamerikanistin, Ethnologin und Pädagogin. 1989 – 1995 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lateinamerika-Institut (LAI) Freie Universität Berlin; Lehrtätigkeit an den Universität Frankfurt a.M., Costa Rica; Cuenca –Ecuador.2009 Fellow am ZIF- Universität Bielefeld. 2010-2011 Forschung zu "Lithium in Bolivien als Fellow an der Iberoamerikanischen Bibliothek Berlin im international Forschungsverbund "desigualdades net", Dozentin am LAI. Regionale Schwerpunkte: Andenländer und Guatemala. Arbeitschwerpunkte: politische Anthropologie, insb. Rechte und Organisation indigener Völker, Interkulturalität und Bildung; Geschlechterverhältnis und soziale Situation indigener Frauen in Lateinamerika, Menschenrechte-Bürgerschaft, Religiöse Bewegungen. Gutachterin in der Entwicklungszusammenarbeit. Zahlreiche Publikationen zu Protestantischem Fundamentalismus in Lateinamerika, indigenen Völkern und Staat, indigenen Frauen, Ciudadanía und Menschenrechten; Analysen politischer Entwicklungen in Bolivien. Darunter: (2008) "Ciudadanía y mujeres indígenas", in: Kron, Stefanie/ Noak, Karoline (eds.): Que género tiene el derecho? Ciudadanía, historia y globalización. Berlin, 143-169; (2009) "Die Ethnisierung des Politischen. Politische Indigene Bewegungen in Ecuador und Bolivien", in: Gerlach, Olaf/ Hahn, Marco/ Kalmring, Stefan/ Kumitz, Daniel/ Nowak, Andreas (eds.): Globale Solidarität und linke Politik in Lateinamerika. Berlin: Dietz, 193-206; (hrsg. zus. mit Olaf Kaltmeier und Cornelia Giebeler)(2010) Construyendo Interculturalidad: Pueblos Indígenas, Educación y Políticas de Identidad en América Latina. Eschborn: GTZ; (2010) "Soziale Krise und Ausbreitung des evangelikalen Fundamentalismus in Lateinamerika", in: van Linden, Marcel /Himmelsoß, Eva (eds.): Labour History beyond Borders: Concepts and Esplorations –Grenzüberschreitende Arbeitergeschichte: Konzepte und Erkundungen, 45. Leipzig: AVA, 257-270.

Erna Pfeiffer: Schreiben im transkulturellen Raum: Jüdisch-argentinische Autorinnen in Diaspora und Exil

Nach einer allgemeinen Einleitung über die conditio migratoria sowie Diaspora- und Exilerfahrungen des jüdischen Volkes in Mythos und biblischer Überlieferung widmet sich dieser Beitrag der speziellen Situation jüdischer ImmigrantInnen in Argentinien seit etwa 1890, welche sowohl innerem als auch äußerem Assimilationsdruck unterworfen waren und schon bald Transkulturationserscheinungen und Hybridisierungstendenzen bzw. Überanpassung an "das typisch Argentinische" erkennen ließen. Danach wird ein Blick auf das argentinische Theater des frühen 20. Jahrhunderts (sainete criollo und neogrotesco) geworfen, in dem sich klassisch zu nennende Stereotypen jüdischer Einwanderer wie "el ruso" und "el turco" mit ihrer vor allem sprachlich herausstechenden Kreolisierung herausbildeten. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit neueren antisemitischen Tendenzen in Argentinien, dem politischen Engagement und der damit einhergehenden Diskriminierung linksgerichteter jüdischer Intellektueller und der mehr oder weniger erzwungenen Rückwanderbewegung der Kinder- und Enkelgeneration unter dem Militärregime von 1976- 1983 sowie dem inneren Exil der "Daheimgebliebenen", die sich entweder in Schweigen zurückzogen oder sonstige Strategien der Unkenntlichmachung/ Vermischung/ Tarnung verfolgten, um überleben zu können. Schließlich werden Lebensgeschichten und Schreibpraxis von sieben jüdisch-argentinischen Autorinnen vor dem Hintergrund der Migrationsbewegungen, Diaspora- und Exilerfahrungen ihrer Familien beleuchtet, die unter verschiedenen Umständen, zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Räumen nach Argentinien gekommen waren, Autorinnen, die ihrerseits wiederum unterschiedliche Hybriditäts- und Transkulturationserfahrungen als politische Exilantinnen, Wirtschaftsflüchtlinge, diasporische Existenzen oder Fremde im eigenen Land machen mussten: Alicia Steimberg (geboren 1933), Luisa Futoransky (1939), Ana María Shua (1951), Reina Roffé (1951), Alicia Kozameh (1953), Sara Rosenberg (1954) und Susana Szwarc (1952).

Erna Pfeiffer, Studien aus Romanistik, Slawistik sowie Dolmetschen und Übersetzen in Graz, am Instituto Caro y Cuervo (Bogotá) und an der Hochschule St. Gallen (Promotion und Habilitation an der Karl-Franzens-Universität Graz). Seit 1997 Außerordentliche Universitätsprofessorin für Hispanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz, mehrmals Gastprofessorin am Institut für Romanistik und am Institut für Sprachen und Kulturen / Vergleichende Literaturwissenschaft der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. 2003-2005 Leiterin des Instituts für Romanistik und von 2009-2010 Vorsitzende der Curricula-Kommission Romanistik in Graz. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Literatur- und Übersetzungswissenschaft sowie Gender Studies; Rezeptionsforschung, Dramen- und Erzähltextanalyse, feministische und soziohistorische Fragestellungen in Literatur und Übersetzung wie z.B. Exil und Migration, Menschenrechts- und Gewaltproblematik, Literaturverfilmung, fantastische und Kriminalliteratur, etc. Literarische Übersetzerin von mehr als ein Dutzend Büchern aus dem Spanischen, darunter von Benito Pérez Galdós, Miguel de Unamuno, Gioconda Belli, Carmen Boullosa, Luisa Valenzuela und Alicia Kozameh. Herausgeberin mehrerer Anthologien mit Texten und Interviews zeitgenössischer lateinamerikanischer Autorinnen. Organisatorin und Moderatorin von Kulturevents und literarischen Lesungen. Letzte Publikationen in Buchform: (2008) Aus der Rolle geFallen! Neuere lateinamerikanische Literatur zwischen Machismo und Feminismo. Hamburg: Kovač; als Mitherausgeberin: (zus. mit Valérie de Daran)(2009) Texte im/en Transit: Zur Übersetzung belletristischer Texte ins Französische und ins Deutsche/Des traducteurs témoignent. Hamburg: Kovač; (zus. mit Gwendolyn Díaz und María Teresa Medeiros-Lichem)(2010) Texto, contexto y postexto: Aproximaciones a la obra literaria de Luisa Valenzuela. Pittsburgh (USA): IILI. Darüber hinaus zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften und Sammelbänden, Beiträge in populärwissenschaftlichen Journalen, Tageszeitungen und Hörfunk sowie Vorträge, Rezensionen, Interviews und Lexikon-Artikel.

Bettina Kluge: "Mi vida en otro lado" – Identitätskonstitution in den Blogs lateinamerikanischer Migrantinnen und Migranten in Québec

Für das klassische Einwanderungsland Kanada stellt, ähnlich wie beim südlichen Nachbarn USA, die Offenheit für Immigranten aus aller Welt ein konstitutives Element der nationalen Identität dar. Dieser Beitrag beschreibt die Situation von lateinamerikanischen Migranten in Québec und der Auswirkungen der Migrationserfahrung auf die Identitätskonstitution der Néo-canadiens. Als Korpus dienen dabei die Einträge in den Blogs der Migranten selbst. Im Pilotkorpus, das zehn Blogs von Migranten aus dem spanischsprachigen Lateinamerika umfasst, lassen sich sieben Verfahren der Identitätskonstitution mit unterschiedlicher globaler vs. lokaler Reichweite unterscheiden: das Bloggen an sich und die Teilnahme an der Blogosphäre, die verwendete Sprache, die Thematik der einzelnen Beiträge, Stilisierung, Narrationen, Emotionsdarstellung und Kategorisierungen.

Bettina Kluge studierte Spanien- und Lateinamerikastudien, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bielefeld, an der sie 2002 auch promovierte. Nach sechs Jahren als Universitätsassistentin am Institut für Romanistik der Karl-Franzens-Universität Graz ist sie seit 2008 Akademische Rätin auf Zeit an der Universität Bielefeld. Sie lehrt in den Bachelorstudiengängen Romanische Kulturen und Linguistik sowie den Masterstudiengängen Linguistik und Interamerikanische Studien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Varietätenlinguistik, Migrationslinguistik, Interaktionale Linguistik, Ethnographie der Kommunikation, Mehrsprachigkeits-, Sprachkontakt- und Spracherwerbsforschung. Derzeit arbeitet sie im Rahmen ihrer Habilitationsschrift zum verallgemeinernden, generischen Gebrauch der 2.P.Sg. (du) in den romanischen Sprachen. Publikationen u.a.: (2005) Identitätskonstitution im Gespräch: südchilenische Migrantinnen in Santiago de Chile. Frankfurt am Main/ Madrid: Vervuert/ Iberoamericana; (2007) "Algunos aspectos descuidados en la investigación sociolingüística del habla rural latinoamericano: la relación campo-ciudad y la dinámica migratoria", in: Schrader-Kniffki, Martina/ Morgenthaler García, Laura (eds.): La Romania en interaccion. En homenaje a Klaus Zimmermann y ensayos. Madrid/ Frankfurt am Main: Iberoamericana/ Vervuert, 73-98; (hrsg. zus. mit Martin Hummel, Graz, und María Eugenia Vázquez Laslop, El Colegio de México)(2010) Formas y fórmulas de tratamiento en el mundo hispánico. México D.F.: Editorial de El Colegio de México.

Lioba Rossbach de Olmos: Santería in Deutschland. Zur Gleichzeitigkeit von Heterogenisierung und Retraditionalisierung einer Religion in der Diaspora

Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über die afrokubanische Santería-Religion in Deutschland. Nach einer Einführung in die Religion und die Stationen ihrer Wanderschaft werden die Umstände ihrer Ankunft in Deutschland und die Möglichkeiten, Grenzen und Anpassungen der Religionsausübung dargelegt, um alsdann das Spektrum von Phänomenen der Heterogenisierung und Retraditionalisierung zu präsentieren. Dabei zeigt sich eine Dynamik, die vielleicht auch andere Religionen in Diasporasituationen teilen, die aber zugleich für die Santería typisch ist. Am Ende folgt der Versuch einer theoretischen Einordnung.

Lioba Rossbach de Olmo studierte Ethnologie in Frankfurt am Main und promovierte in Mainz. Sie war Mitarbeiterin von KLIMA-BÜNDNIS - ALIANZA DEL CLIMA e.V. in Frankfurt am Main sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt Santería in Deutschland: Manifestationen der afrokubanischen Religion in deutschen Kontexten. 2006 erhielt sie den Premio Iberoamericano für die beste spanischsprachige Arbeit. Derzeit ist sie Mitarbeiterin am Institut für Vergleichende Kulturforschung – Kultur- und Sozialanthropologie der Philipps- Universität Marburg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen afroamerikanische Gemeinschaften und Kulturen, afrokubanische Religionen und ihre transnationale Verbreitung. Weitere Arbeitsfelder liegen im Bereich traditionelles umweltbezogenes Wissen (insbesondere Biodiversität und Klima) sowie Rechte indigener Gemeinschaften. Jüngste Publikationen: (2008) "Santería in Deutschland: Kubaner zwischen afrokubanischer Religion und globalisierter Popkultur", in: Lauser, Andrea/ Weißköppel, Cordula (eds.): Migration und religiöse Dynamik. Ethnologische Religionsforschung im transnationalen Kontext. Bielefeld: transcript, 125-145; (2009) "¿Qué pasa con el Pacífico Negro en el Atlántico Negro? El Atlántico Negro de Paul Gilroy frente a los acontecimientos (afro)colombianos", in: Revista Semestral de Historia y Arqueologia del Caribe, Vol. 11/6. Barranquilla: Uninorte, 200-219; (2009)(hrsg. gem. mit Heike Drotbohm) Kontrapunkte. Theoretische Transitionen und empirischer Transfer in der Afroamerikaforschung. Beiträge der Regionalgruppe "Afroamerika" im Rahmen der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Halle (Saale) 2007 (Curupira Workshop, 12). Marburg: Curupira; (2009) "Santería Abroad. A Short History of an Afro-Cuban Religion in Germany by Means of Biographies of some of Its Priests", in: Anthropos 1004/2, 483-498.