| Icon | Nummer | Titel |
|---|---|---|
| 4 | Institutionalismus / Substantivismus | |
| 4.3 | Substantivisten | |
| 4.3.3 | Marshall Sahlins | |
| 4.3.3.1 | Beispiel Tausch |
4.3.3.1.1 Formen der Reziprozität nach Sahlins
Karl Polanyi war der Ansicht, dass die Interaktion in reziproken Austauschbeziehungen grundsätzlich symmetrisch verlaufen würde. Sahlins bezweifelt das und unterscheidet in:
Generalisierte Reziprozität, Balancierte Reziprozität, Negative Reziprozität.
Diese Einteilung trifft er anhand von drei Kriterien
- Zeitpunkt der Rückgabe
- Äquivalenz der Gegengabe
- Materielle und nicht-materielle Dimensionen des Austauschs.
1. Generalisierte Reziprozität:
A gibt eine Gabe/Leistung an B, die Beziehung bleibt aufrecht, auch wenn von B lange nichts zurückkommt. Typischer Fall: Beziehung zwischen Eltern und Kinder. Die Eltern bezahlen eine "Versicherungsprämie" an die Kinder (Unterhalt, Ausbildung) und erhalten die "Versicherungssumme" zurück, wenn sie alt und pflegebedürftig sind.

Die "Gabe" erscheint "interesselos", der Zeitpunkt der Rückgabe ist verzögert, niemand scheint sich um Äquivalenz zu kümmern, die nicht-materielle Dimension des Austauschs (z.B. "Elternliebe") steht im Vordergrund.
2. Balancierte Reziprozität:
Güter und Leistungen wandern symmetrisch und äquivalent von A zu B und von B zu A.

Typischer Fall Tauschhandel:
Die "Gegengabe" erfolgt unmittelbar und ist Teil des Tauschaktes, beide Seiten bemühen sich um Äquivalenz, und es dominiert der materielle Aspekt.
Perfectly balanced reciprocity wurde ethnographisch auch bei bestimmten Heiratstransaktionen oder Freundschaftspakten beschrieben: Zwei Gruppen tauschen dieselbe Menge der gleichen Güter unmittelbar gegen einander aus. Diese Art der Transaktion ist im Gegensatz zum Tauschhandel gänzlich nicht-ökonomisch.
3. Negative Reziprozität:
A gibt unfreiwillig durch z.B. Raub oder Diebstahl, B gibt nichts (z. B. Stämme überfallen einander und rauben sich die Frauen und anderes).

Negative Reziprozität ist im formalistischen Sinn am ökonomischsten: In einer Situation gegensätzlicher Interessen versuchen Individuen oder Gruppen ihren Nutzen auf Kosten anderer zu maximieren.
Sahlins geht nun davon aus, dass in den meisten Gesellschaften alle drei Formen gleichermaßen vorkommen und auch, dass es fließende Übergänge zwischen ihnen gibt. Er ist auch der Ansicht, dass diese drei Formen überall moralisch bewertet sind: "The extremes are notably positive and negative in a moral sense. The intervals between them are not merely so many gradations of material balance in exchange, they are intervals of sociability. The distance between poles of reciprocity is, among other things, social distance" (Sahlins 1972: 191).
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