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up 4 Institutionalismus / Substantivismus
up 4.3 Substantivisten
up 4.3.3 Marshall Sahlins
up 4.3.3.2 Beispiel: The original affluent society

4.3.3.2.3 Armut, Mangel und einfache Bedürfnisse

Sahlins’ Portrait der ursprünglichen Überflussgesellschaften verleitet zu einem Bild von "arm aber glücklich". Völlig gegenteilige Images werden z.B. über Afrika in Weltbank- und UNO-Berichten vertreten.

Gerd Spittler bringt beide Theorien auf den Punkt:

"Zwei Theorien stehen sich hier gegenüber, beide haben sie eine lange Tradition. Die eine geht davon aus, daß vorindustrielle Gesellschaften Mangelgesellschaften sind. Ihre geringe Güterausstattung verdammt sie zu Armut und Elend, und sie warten nur darauf, durch die Segnungen der Industrialisierung erlöst zu werden. Die andere Theorie geht von der Prämisse aus, daß die geringe Güterausstattung kein Ausdruck von Mangel ist, sonder den einfachen Bedürfnissen dieser Menschen entspricht." (Spittler 1991: 66)

Spittler plädiert in der Folge für ein differenziertes Bild und für eine Unterscheidung der Sachverhalte:

a) Einfache und begrenzte Bedürfnisse

b) Mangel, der aber nicht mit Armut gleichzusetzen ist

c) Armut im Rahmen von einfachen Bedürfnissen

d) Moderne Armut im Rahmen einer Bedürfnisexpansion

a) Einfache und begrenzte Bedürfnisse

Einfache Bedürfnisse entsprechen in etwa dem, was Sahlins in seiner Original Affluent Society beschrieben hat. Nach Jack Goody (1982) sind diese für Gesellschaften typisch, die nicht in sozio-ökonomische Klassen aufgespalten sind. In Klassengesellschaften, v.a. in bäuerlichen Gesellschaften treten "begrenzte" Bedürfnisse auf. Es bestehen Normen und Mechanismen, die den Konsum der unteren Klassen einschränken. Ihre Bedürfnisse "werden begrenzt".

b) Mangel, der aber nicht mit Armut gleichzusetzen ist

Mangel ohne Armut setzt Spittler mit Gesellschaften in Verbindung, die regelmäßige saisonale Hungermonate kennen, wie sie Audrey Richards (1939) bei den Mbembe beschrieben hat als Ausdruck einer Weltsicht, "die den Wechsel von Fülle und Mangel akzeptiert" (Spittler 1991: 75). In den jährlichen Hungermonaten werden die Aktivitäten reduziert, die Leute sind fröhlich und beklagen sich nicht. Richards kommt zu dem Ergebnis, dass die Kultur den biologischen Bedürfnissen ihre konkrete Form gibt.

c) Armut im Rahmen von einfachen Bedürfnissen

Armut trotz einfacher Bedürfnisse tritt dann auf, wenn selbst einfache Bedürfnisse situationsspezifisch z.B. durch Dürren oder Kriege nicht befriedigt werden können. Gruppen oder Individuen geraten zeitweilig in Not.

d) Moderne Armut im Rahmen einer Bedürfnisexpansion

Die moderne Armut beruht auf gestiegenen Ansprüchen ohne Aussicht auf die Mittel, diese auch befriedigen zu können. Die Betroffenen empfinden sich selbst explizit als arm, unabhängig von ihrem tatsächlichen Besitz und Einkommen. Moderne Armut schließt vom sozialen Leben aus, sie isoliert z.B. die Armen in den Slums.

Die gängige Erklärung dafür, warum Menschen ihre einfachen Bedürfnisse – mit denen sie ja zufrieden waren – nicht beibehalten, ist die Kommunikationsthese (Spittler 1991: 82f). Solange Bauern und Nomaden von der Industriegesellschaft isoliert waren, wussten sie nichts von den Reichtümern und Konsummöglichkeiten dieser Welt. Kaum werden sie davon informiert, wollen sie auch alle Konsumgüter der industrialisierten Welt haben.

Spittler setzt dem entgegen: "Ich vertrete die These, daß der Prozeß umgekehrt verläuft, wie es Lerner postuliert. Es sind nicht durch Kommunikation bewirkte neue Bedürfnisse, die bei Nichterfüllung zu Armut und Marginalisierung führen, sondern der Prozeß beginnt mit der Marginalisierung. Dabei wird das traditionelle Wertesystem aufgelöst, und die neuen Bedürfnisse der modernen Welt werden übernommen." (Spittler 1991: 83)

Am Beispiel der Errichtung von Schulen zeigt er, dass plötzlich alle, die keine Schule besucht haben, zu Analphabeten degradiert werden. Hatten sie vorher ein würdiges Leben geführt, sind sie jetzt hilflos den neuen Behörden und ihren sich vervielfachenden Verwaltungsakten ausgesetzt!

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