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up 3 Neoklassik oder Rational Choice
up 3.3 Späte 1950er bis frühe 1970er Jahre: Der große Streit

3.3.1 Der Angriff der Substantivisten

Die meisten frühen Vertreter der Ökonomischen Anthropologie wie Raymond Firth oder Melville Herskovits, aber auch zum Teil Malinowski orientierten sich am damals wie heute dominanten Zugang der Wirtschaftswissenschaften, der Neoklassik oder rational choice Theorie. Diese gingen vom Menschenbild des homo oeconomicus und vom Entscheidungsverhalten von Einzelpersonen oder Haushalten in einer Situation knapper Mittel aus, auf die sie ihre mathematischen Modelle aufsetzen konnten. Wobei mathematische Rechenoperationen nur sehr bescheiden Einzug in wirtschaftsanthropologische Texte hielten, da in der Mehrheit der Fälle eine entsprechende Menge an empirischen Daten nicht zur Verfügung stand und diese in Regionen ohne groß angelegte staatliche Zählungen und Erhebungen nur sehr mühsam zu gewinnen sind.

Ausgelöst wurde die Debatte zwischen Formalisten und Substantivisten durch den fundamentalen Angriff des Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi auf die Grundannahmen der Neoklassik. Mit The Great Transformation (1944) wandte dieser sich an die Wirtschaftswissenschaften, mit Trade and Markets in the Early Empire (1957) gemeinsam mit mehreren SozialanthropologInnen an die Anthropologie. Diese Gruppe geht davon aus, dass vorindustrielle und bäuerliche Gesellschaften andere Vorstellungen von Rationalität haben, als die kapitalistische Industriegesellschaft.

Polanyi argumentiert, die Wirtschaftswissenschaften hätten sich gemeinsam mit dem Kapitalismus entwickelt. Sie seien daher Teil des Systems, das den Kapitalismus aufrecht erhält, indem sie ihn als "natürlich" erscheinen lassen.

Die Substantivisten lehnten aber den methodologischen Individualismus und den homo oeconomicus nicht grundsätzlich ab. Sie beschränkten nur seinen Anwendungsbereich auf Gesellschaften mit marktwirtschaftlicher Grundlage. Dort allerdings bestärkten und überhöhten sie das Prinzip der Nutzenmaximierung zu einer die Gesellschaft zerstörenden Kraft (vgl. v.a. Polanyi 1944).

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